Demokratie

Stahlblau der Blick, knallhart die Faust, das Kinn so scharfkantig, dass Rasierklingen zerschellen – so ist er, der Geheimagent. Doch der Agent der größten Spionageaffäre der bundesdeutschen Geschichte war anders – blass, spießig, servil, die fleischgewordene Unscheinbarkeit: Günter Guillaume. Die Intrigen des Spions (und die der Parteifreunde!), die 1974 zum Rücktritt Willy Brandts führten, erweckt der britische Dramatiker Michael Frayn in „Demokratie“ zum Leben. Am Donnerstag feierte das Stück im Ernst-Deutsch-Theater seine gelungene Premiere. Dramatis Personae: Willy Brandt, Herbert Wehner, Helmut Schmidt, Horst Ehmke, Hans-Dietrich Genscher, Günther Nollau und die Antagonisten: Günter Guillaume und sein Führungsoffizier Arno Kretschmann.

Das Bühnengeschehen wechselt den Fokus fließend von Politikern zu Agenten. Die Spione sind stets präsent, kommentieren die Handlung, stellen Personen vor. Guillaume bleibt dezent im Hintergrund oder agiert eifrig politisch. Kretschmann gleitet wie unsichtbar durch die Szenen, mal lauschend, mal direkt hinter Guillaume, der ihm Dokumente flott über die Schulter weiterreicht (Regie: Hartmut Uhlemann). Der Plenarsaal des Bonner Bundestages (Bühnenbild: Eva Humburg) und triste Herrenanzüge der 70er-Jahre (Sabine Birker) schicken den Zuschauer auf eine wohlig-gruselige Zeitreise zur „Tagesschau“ des Chefsprechers Karl-Heinz Köpcke. Sven Walser gestaltet Willy Brandt leise, verletzlich, nicht als charismatischen Visionär. Guillaume (Marcus Calvin) ist ein Tausendsassa, der zunehmend in Gewissensnot gerät. Helmut Schmidt wird von Carsten Klemm porträtiert – so wie wir ihn erinnern.

Erik Schäffler zitiert Wehners Habitus und spielt den „bösen Onkel Herbert“ mit Verve, bissig spottend, gnadenlos. In seiner Regierungserklärung sagte Brandt 1969: „Wir wollen mehr Demokratie wagen.“ Er behält im O-Ton das letzte Wort.

Die Welt

 

Bonn, 1969: Mit der Wahl Willy Brandts zum ersten SPD-Bundeskanzler deuten sich tiefgreifende Veränderungen in den deutsch-deutschen Verhältnissen an. Von Aufstieg und Fall des wegen seiner Ostpolitik geliebten wie umstrittenen Friedenskanzlers handelt denn auch „Demokratie“ von Michael Frayn. Der britische Erfolgsdramatiker („Der nackte Wahnsinn“) reiste eigens zur Premiere am Ernst-Deutsch-Theater an – und erlebte eine packende Aufführung seiner Zeitreise in die Ära Brandt.

Im Mittelpunkt der spannenden Politstory steht die Affäre um den DDR-Spion Günter Guillaume. Willy Brandt (Sven Walser) kann den Mann von Anfang an nicht leiden, schafft es aber nicht, Guillaume (Marcus Calvin) aus seiner Nähe zu verbannen. So wird er als diensteifriger „treuer Niemand“ schließlich sein wichtigster Mitarbeiter – bis er als Spitzel auffliegt und Brandt im Mai 1974 zurücktritt.

Großes Plus der konzentrierten Inszenierung von Hartmut Uhlemann: Der Regisseur rekapituliert nicht nur ein Stück Zeitgeschichte, sondern macht auch die Motivationen der Menschen transparent. Es geht ums Taktieren im Job, um Machtspiele, Machterhalt und Moral. Es geht um Strippenzieher wie Herbert Wehner (großartig: Erik Schäffler) oder den damaligen Finanzminister Helmut Schmidt (Carsten Klemm). Und um Marionetten wie den vom Stasiführungsoffizier Arno Kretschmann (Stephan A. Tölle) gelenkten Günter Guillaume.

Hamburger Morgenpost

 

  
 

 

 

 Quelle NDR Mediathek

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