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Molières „Tartuffe“ in Augsburg

Tod eines Glücksverheißers

...Sigrid Herzog macht in ihrer Augsburger Inszenierung aus dem religiösen Heuchler einen windigen Lebensberater und einen esoterischen Glücksversprecher.

Marcus Calvin zeigt aber auch einen vielschichtigen Tartuffe: demütig bis zur Selbsterniedrigung als Heuchler, diabolisch und gierig, wenn er seine Maske fallen lässt. Auf der anderen Seite zeichnet Herzog ein brillantes Familienpsychogramm, das erklärt, warum der anständige, wohlhabende und ein bisschen biedere Orgon auf diesen Verführer reinfallen musste und ihn bei sich aufnahm: Gleich zu Beginn erleben die Zuschauer, wie ein neues Sofa gebracht wird: riesig, lang, grellgrün und schrill, genauso wie die Familie in ihren lauten und etwas zu modischen Kleidern (Bühne und Kostüme Isabelle Kittnar). Man kann sich hier einiges leisten, auch schräge Bilder an der Wand und Möbel, auf denen man nicht sitzen kann. Eva Maria Keller als Mutter Orgons, eine brillante Familien-Generalissima, hat mit ihrer Standpauke nicht unrecht: Hier herrschen Oberflächlichkeit, Materialismus, Übersexualisierung und die ewige Party. Kein Wunder, dass dem Herr des Hauses der Sinn nach Tiefe und Substanz steht – und dann werden schon mal falsche Angebote angenommen. Sigrid Herzog zeigt aber auch die Lähmung und Lethargie dieser Familie: Bis auf Orgon und seine Mutter durchschauen alle Tartuffe, reagiert wird aber erst, als er die Verlobung seiner Tochter Mariane (zart, blond und schön naiv gespielt von Sarah Bonitz) gelöst hat und sie mit Tartuffe verheiraten will. Dazu überschreibt er dem Betrüger sein gesamtes Vermögen. Motor des Widerstands gegen Tartuffe und zugleich das geheime Zentrum der Inszenierung ist Lucy Wirth als Zofe. Die pragmatische und resolute Dienerin nimmt die Handlung in die Hand, geigt Orgon die Meinung, richtet Mariane auf und schlichtet den Streit mit deren Verlobten Valère (Nicholas Reinke), handelt, wo die anderen gelähmt sind, spricht, ja schreit, wo die anderen schweigen und lehnt sich auf, wo die anderen in Selbstmitleid schwelgen. Mitunter eröffnet Lucy Wirth eine Solo-Nebenbühne, kommentiert die Handlung mit kleinen Gesten und großer Mimik und macht aus dem Mauerblümchen mit Hornbrille und Dutt die präsenteste Figur des ganzen Stücks. Es sind nuancierte Verschiebungen der Perspektive und dosiert eingesetzte Brechungen, ironische Tanzeinlagen, hier ein kleines Stück Schokolade, dort eine verlorene Sonnenbrille oder behutsame sprachliche Modernismen, mit denen Sigrid Herzog das Spiel zwischen realistischem Detail und grotesker Verzerrung, zwischen dem Zoom auf die Innenperspektive und dem Cinemascope-Blick auf die Gesellschaft pendeln lässt. Verführbar ist natürlich auch Tartuffe. Er geifert nach Orgons Frau Elmire, und Judith Bohle zelebriert augenzwinkernd das ganze Repertoire weiblicher Verführungskunst: hohe Schuhe, tiefer Blick, wiegende Hüften, laszives Lümmeln auf dem unmöglichen Sofa; bei so viel Erotik wird der asketische Enthaltsamkeitsprediger schnell zum Affen. Gleichwohl: Haus und Vermögen sind weg. Was also tun? Molière ließ den König Gerechtigkeit über das Recht setzen und Tartuffe verhaften. Sigrid Herzog und Dramaturg Tobias Vogt haben sich einen anderen Schluss einfallen lassen, der sozusagen demokratisch und archaisch zugleich ist: den kollektiven Mord an Tartuffe. Darüber lässt sich trefflich diskutieren. Gut so. Ein selten unterhaltsamer und selten anregender Theaterabend, den das Premierenpublikum zu Recht bejubelte.

Von Berndt Herrmann aus dem Donaukurier, 28.11.2011 19:30 Uhr Augsburg (DK)


Molières „Tartuffe“ im tim: der Seelencoach als Verführer

Ein tiefer, etwas bedrohlicher Basston vom Akkordeon eröffnet den Abend – und ab dann wird Tango getanzt. So könnte man, übertrieben kurz, den Molièreschen „Tartuffe“ zusammenfassen, wie ihn das Stadttheater unter Regie von Sigrid Herzog auf die (nicht vorhandene) Bühne des Textilmuseums bringt. Um es vorweg zu nehmen: Ein Abend der leichten Muse zwar, aber ein Abend des großen Vergnügens, des perfekten Timings und eines glänzenden Ensembles.

Wie der Wutbürger zum Plebs wird

Der Plan, Tartuffe doch noch bloßzustellen, in dem man dessen Werben um die Frau des Hausherrn offenbar macht, ist ein weiterer großer Spaß für alle Beteiligten inklusive Publikum. Sogar Elmire selbst (Judith Bohle) schwankt ein wenig zwischen Lust und Entsetzen, scheint ein paar Momente lang nicht abgeneigt, den Schabernack eine Spur zu weit zu treiben – zumal ihr Mann, unterm Sofa versteckt, sich der Realität verweigert: Er will und will nicht glauben, dass Tartuffe, der hoch verehrte Asket im hochgeschlossenen schwarzen Gewand (Marcus Calvin), ein Betrüger ist, schreitet selbst dann nicht ein, als dieser sich mit bedrohlich gerafften Unterhosen auf Elmire zu stürzen droht. Das ist der Moment, in dem die Inszenierung hart an den Rand der Klamotte gerät.

Doch mag das die Absicht der Regisseurin gewesen sein. Denn ihr Tartuffe ist nicht mehr ein Vertreter jenes katholischen Klerus, der sich bei der Uraufführung im Jahr 1664 – und zu Recht – derart verunglimpft sah, dass er ein Aufführungsverbot erwirkte. Es ist ja heute kaum mehr üblich, sein Vermögen der Kirche oder einem ihrer Vertreter zu vermachen. Doch auch wir haben jede Menge Gutmenschen zur Auswahl, denen wir auf den Leim gehen können – man muss sich gar nicht bis in die 70er-Jahre zurück an einen orangegewandeten Guru erinnern, dem seine Anhänger einen Rolls Royce nach dem anderen verehrten. Marcus Calvin spielt den Tartuffe als eines dieser alerten, nie um Antwort und verständnisvolle Geste verlegenen Mischwesen aus Manager, Berater, Seelencoach und Psychotherapeut: „Lass den Himmel durch dich gehen“, empfiehlt er Orgon, als dieser sich zu sehr erregt, und atmet ihm beruhigend vor. Sein Klient aber hat schon viel gelernt: „Ich bin irgendwie blockiert“, erklärt Orgon seine Verwirrung und vermacht ihm gleich noch Haus und Vermögen.

Deshalb ist es, als Tartuffes Blenderei offenbar und die erzwungene Hochzeit verhindert wird, trotzdem längst zu spät. Den rettenden König, den Molière in letzter Minute dem Orgon beistehen lässt, enthält Sigrid Herzog dem Publikum vor – sie deutet eine drastischere Lösung an, aus der aber auch nichts wirklich Gutes erwachsen kann. Der Tango ist unmerklich verklungen, die Wutbürger werden unvermutet zum Plebs und rächen sich am Verführer, der ihnen doch nur die eigene Dummheit vor Augen geführt hat. Viel herzhaftes Gelächter, langer Applaus, viele Bravos für Schauspieler und Regie.

Von Frank Heindl aus der DAZ

Brünftige Gier zwischen Kissen

  Mit lüsternem „ratsch!“ lässt Marcus Calvin die Hüllen fallen und gibt den Tartuffe als drahtigen Fitness-Trainer ganz ohne Heiligenschein.	(Foto: Schölzel)

Mit lüsternem „ratsch!“ lässt Marcus Calvin die Hüllen fallen und gibt den Tartuffe als drahtigen Fitness-Trainer ganz ohne Heiligenschein. (Foto: Schölzel)

Spaßmacher sollte Molière nach dem Willen Seiner Majestät Ludwigs XIV. sein, mehr nicht. Und doch ist ihm auch manche Charakterkomödie mit Tiefgang herausgerutscht – der Tartuffe etwa, wo ein abgefeimter Schurke eine ganze Familie ins Unglück zu stürzen droht. In Sigrid Herzogs turbulenter Inszenierung auf der Augsburger tim-Bühne dominiert jedoch allemal der Spaß, ein paar Ausrutscher in Jux, Dollerei und Albernheiten inklusive. „Saulustig war’s!“, so eine vom vielen Lachen sichtlich erschöpfte junge Zuschauerin.
Lindgrün, grasgrün, froschgrün und giftgrün sind die Grundfarben der mit einem sich längs über das Geviert erstreckenden Canapé bestückten Bühne, der zahlreichen Sofakissen und auch der flotten zeitgenössischen Kostüme, alles entworfen von Isabelle Kittnar. Einer ausgenommen: der Titelheld. Man kennt ihn als frömmelnden Parasiten in schmuddelig abgewetzter Priestersoutane. In Herzogs Inszenierung trägt er jedoch einen edlen schwarzen Rollpullover mit Reißverschluss und Anzughose, den er mit lüsternem „ratsch!“ herunterreißt, bevor er sich auf die leckere Elmire stürzt.
Marcus Calvins Tartuffe ist ein drahtiges, knuspriges Bürschchen... Der Heiligenschein steht ihm weniger gut als die brünftige Gier, mit der er nicht nur die Gattin des Hausherrn beleckt, sondern auch die Finger nach dem dritten Schlag Rebhuhnbraten...

...des unglaublich spielfreudigen Ensembles. Das gilt vielleicht für die ganze Inszenierung und vor allem auch für einen Schluss, der so gar nicht „Molière“ ist. Aber saulustig war’s allemal.

BSZ Bayerische Staatszeitung (Hanspeter Plocher)